Bhutan

Bhutan: „DRUK YUL“ – Im Land des Donnerdrachens

Fotos & Text: Jürgen Pfannkuch

«We don’t climb the mountain peaks«
«We don’t cut the trees down«
«We don’t go hunting«
«We don’t go fishing«…

… und mit einem schüchternen Kichern fügt Khenpo Phuntsho Tashi noch hinzu: »and we never pee in the water«. Ein wenig erinnert der fromme Mann, der im Living Room des Amankora in Paro, leicht erhöht und entspannt auf Kissen mir gegenüber sitzt, in seinem Habitus an den Dalai Lama. Vielleicht rührt aber dieser Eindruck allein von dem etwas kindlichen Lachen her. Khenpo Phuntsho Tashi, Direktor des National Museums in Paro ist ein weit ge­reister Mann, schwärmt von den Künstlern der Hinterglas-Malerei in Dresden und doziert abgeklärt über den »American way of life«. Und damit leitet er mühelos über zu jenem Leit-Thema, welches von Touristen und Journalisten begierig aufgenommen wird, bei dem Versuch, sich den wundersamen Staat am Himalaya zu erklären.

Tiger's Nest / Paro
Tiger’s Nest / Paro

In einem Land, welches zu 69% von Wäldern bedeckt ist – no logging, no hunting? In einem Land, welches von Hunderten Flüssen und Bächen durchzogen ist – no fishing? In einem Land, welches von Sechs- und Siebentausendern gesäumt ist – no climbing?

Seinen Untertanen hat König Jigme Singye Wangchuck, der Vierte Gyal­po von Bhutan, 1972 im zarten Alter von 18 Jahren zum jüngsten Monarchen der Welt gekrönt, ein Leben im Einklang mit der Natur verschrieben. Tatsäch­lich weist das Königreich Bhutan proportional weltweit die grösste unter Natur- und Artenschutz stehende Fläche aus. In den Mittelpunkt seiner Staatsphilosophie hat er den pfiffigen Begriff GROSS NATIONAL HAPPINESS gestellt, ein Slogan, der Bhutan weltweit mehr Beachtung bescherte, als alle Naturschönheiten des Landes und seine Klöster zusammengenommen. Was da so klingt wie ein Marketing Claim, ist auch einer. Was aber nichts daran ändert, dass er vom grössten Teil der Bevölkerung gelebt wird. Auch König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, zu dessen Gunsten sein Vater 2005 überraschend seinen Rücktritt ankündigte und 2006 vollzog, stellt sich engagiert in den Dienst dieser Philosophie, deren Akzeptanz er regelmässig überprüfen lässt.

Die offiziell verkündete Staatsdoktrin der seit 2008 mit Parlament und Demokratischer Verfassung ausgestatteten konstitutionellen Monarchie richtet sich »gegen blinde Entwicklung auf Kosten sozialer, moralischer, geistiger oder kultureller Werte sowie der natürlichen Ressourcen« und manifestiert damit ihre international viel beachtete Alternative zum Gross Domestic Product.

Und in der Tat schwärmen jedes Jahr zahlreiche Regierungsbeamte und frei­willige Helfer aus, um, ausgerüstet mit Klemmbrett und Fragebogen im ganzen Land den Grad des persönlichen Glücks eines repräsentativen Querschnitts der Bevölkerung aktenkundig werden zu lassen. Das ist gar nicht so einfach in einem Land, in dem sich gerade einmal 700’000 Einwohner auf einer Gesamtfläche von 38’000 Quadratkilometern verlieren, (das sind weniger als 10% der Schweizer Bevölkerungsdichte) viele von ihnen darüber hinaus durch Topografie und Klimaextreme vom Rest des Landes mehr oder weniger abgeschieden sind.

Ganz Thimphu ist auf den Beinen
Ganz Thimphu ist auf den Beinen

Die Stille rund um die Lodge, inmitten eines Pinienwäldchens und in Sichtweite zu den Lehmwänden eines längst verfallenen Forts wird nur von Vogelgezwitscher und den murmelnden Quellen unterbrochen, welche quer durch das abfallen­de Gelände sprudeln. Die in ausreichendem Abstand zueinander um das trutzige, aus groben Natursteinen erbaute Haupthaus mit Restaurant und Living Room verteilten Chalets bieten auf zwei Ebenen je ein grosszügiges mit rustikalen Elementen gestaltetes, gemütliches Appartement von luxuriöser Bodenständigkeit, deren weite Räume in ihrer Ausstattung die sie umgebende Natur und Stimmung widerspiegeln und deren Gemütlichkeit vom Fehlen eines Fernsehers oder Radios geradezu unterstrichen wird. Kontemplativ kann sich auch der Besuch des hinter Bäumen fast verborgenen Spa gestalten, bei dem auch Canapés und eine Flasche Champagner nicht stören. Aber das gilt für alle fünf Amankora Lodges, denen ich während der nächsten zwei Wochen meine Aufwartung machen werde.

Amankora / Paro
Amankora / Paro
Amankora / Paro
Amankora / Paro

Es ist einer der letzten regnerischen Septembertage, an denen die Wolken so tief hängen, dass die Fahrt zum höchsten über eine Strasse erreichbaren Pass in Bhutan, dem Chele La auf 3’988 Meter nicht lohnt. Jhomo, der Schutzgott der Berge verweigert auch den Blick auf den Kanchenjunga, den dritthöchsten Berg der Erde. Aber das Paro Valley bietet auch so mehr kulturelle Attraktionen als man in zwei Tagen bewältigen kann. Zu ihnen zählt mit dem Kyishu Lhakhang eines der ältesten Klöster Bhutans. Glücklicherweise liegt auch eine der wohl bekanntesten Sehenswürdigkeiten Bhutans, noch knapp unterhalb der Wolkendecke. »Tiger’s Nest« wird das 1692 erbaute Taktsang Palphuk Kloster genannt. Guru Padmasambhava – er wird uns unter dem Namen Guru Rinpoche noch häufiger begegnen – war im achten Jahrhundert auf dem Rücken einer Tigerin von Tibet aus dort hinauf geflogen und meditierte auf dem Felsen drei Jahre, drei Monate, drei Wochen, drei Tage und drei Stunden. Wer nicht über einen flugfähigen Tiger verfügt, kann sich auf dem Rücken eines Pferdes oder Mulis auf den vierstündigen Anstieg machen.

Punakha / Dzong
Punakha / Dzong

Der ungewöhnliche Rundbau des Ta Dzong, ursprünglich als Wachtturm für den Rinping Dzong erbaut, beheimatet das National Museum. Von hier oben öffnet sich ein weiter Blick über das Paro Valley. Drinnen findet sich neben Waffen und Tankas die Ausstellung sämtlicher Masken, welche wilde Tiere oder Dämonen darstellend auf den zahlreichen überall im Land stattfindenden Festivals, den Tsechus, von den Tanzgruppen getragen werden.

Bunte, kunstvoll bemalte Hausfassaden gehören zum typischen Landschaftsbild Bhutans, jedes Haus – auch die im klassischen Stil errichteten Neubauten – schmückt sich mit individuell gestalteten Symbolen, was besonders auf das Hauptmotiv zutrifft. Nicht nur auf den ersten Blick scheint es, als frönten die Bhutaner einer grotesken Verherrlichung der Manneskraft. Was dem fremden Besucher zunächst obszön erscheinen mag, soll den Bewohnern den Segen der Fruchtbarkeit bescheren. Während der kommenden Tage werden wir hunderte solcher Hausfassaden passieren und ihnen kaum mehr Beachtung schenken, nur manchmal noch provoziert der Künstler ein Schmunzeln, wenn er mit besonders ausschweifender Phantasie und Detailfreude behaarte und unbehaarte, immer erigierte und manchmal auch ejakulierende, mit bunten Bändchen geschmückte riesige Penisse der kunstvollen Fassade hinzugefügt hat.

Amankora Punakha
Amankora Punakha

Der Himmel hellt sich auf, als wir uns von Paro aus auf den Weg in die Hauptstadt Thimphu machen. Im dortigen Tashichoe Dzong, in dem die Regierung von Bhutan residiert, beginnt heute der erste Tsechu, dem auf dieser Reise noch etliche folgen sollten.

Privatautos sind auf dem Land noch eher eine Seltenheit, können mittlerweile aber in der Hauptstadt Thimphu, wo allein ein Siebtel der Gesamtbevölkerung lebt, zur »rush hour« schon mal einen veritablen Stau verursachen, den der Verkehrspolizist auf der Hauptkreuzung – wohl zusammen mit seinen Kollegen der meist fotografierte Mensch in Bhutan – in eigenwilliger Choreographie seiner Armbewegungen allein zu bewältigen hat. Mit einer kurzfristig installierten Ampelanlage konnte die Bevölkerung sich nicht anfreunden, so wurde sie kurzerhand wieder abmontiert.

Amankora Thimphu
Amankora Thimphu

Im riesigen, festlich geschmückten Innenhof des Dzong bekomme ich in einem einzigen Augenblick mehr Menschen zu Gesicht, als in den folgenden zwei Wochen auf dem gesamten Trip nach Osten und wieder zurück. Ganz Thimphu ist auf den Beinen, in feinsten Sonntagsstaat gekleidet, strömen Junge und Alte zum grössten Fest des Jahres, welches sich knapp eine Woche hinziehen wird und den Tanzgruppen bei ihren raumgreifenden, allegorischen Darbietungen starke Kondition abfordert.

Da ich die Nacht bereits in Punakha verbringen will, brechen wir gegen Mittag zur ersten etwas längeren Etappe in Richtung Osten auf. Ob in einer Gruppe oder als Einzelreisender unterwegs – Fahrer und Guide sind nicht nur hilfreich, sie sind von der Regierung vorgeschrieben. 250 Dollar kostet das pro Tag, auf Wunsch sind einfache Unterkünfte und Verpflegung inbegriffen. Aber auch bei individueller Hotelbuchung bleiben diese Kosten bestehen. Ziel dieser beträchtlichen »Entry Fee« ist es wohl auch, die Hürde für Backpacker hoch zu halten.

Meine korrekt in den landesüblichen Gho gekleideten Begleiter sind Tzscheten, ein wandelnder Almanach durch die bhuddistische Geschichte seines Landes und TenSing, bei dessen Namen man unweigerlich an die Erstbesteigung des Mount Everest denkt, der aber aus flacheren Regionen im Fernen Osten Bhutans stammt. Beide sind echte Botschafter der exklusiven AMAN Gruppe, deren fünf über das Land verteilte Amankora Lodges während der kommenden zwei Wochen mein »home away from home« sein werden.

Trongsa, Dzong
Trongsa, Dzong

Während Tzscheten mich täglich durch die imposantesten Dzongs, die berühmten Klosterburgen Bhutans führen und versuchen wird, mir deren Geschichte, Bedeutung und all die um sie und ihre Erbauer herum gesponnenen Legenden nahezubringen, wird TenSing seinem Ruf als einem der besten und erfahrensten Driver des Königreichs gerecht werden. Diese Reputation zu untermauern, bietet sich der abenteuerliche Highway an, auf dem unser Jeep sich jeden zweiten Tag sechs bis acht Stunden hinauf und hinunter quälen wird, Felsabstürzen zur Rechten und Strassenabbrüchen zur Linken ausweichend. Gegenverkehr bilden fast ausschliesslich schwere LKW, die zur Offenhaltung dieser Hauptarterie unterwegs sind, Muren und Gesteinsbrocken fortschaffend. Ihnen auf Tuchfühlung und berührungsfrei zu begegnen ist für TenSing lässige Routine. Der Highway bildet die einzige echte Strassenverbindung Bhutans, welche sich mit Anschluss an Paro im Westen, bei der Hauptstadt Thimphu, mit einer Verzweigung aus Sikkim trifft, bis nach Traschigang im Fernen Osten Bhutans, an die Grenze zum indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh. Er führt durch unterschiedliche Klimazonen und ständig wechselnde Vegetation, die während der zweiten Aprilhälfte über weite Teile des Landes von Rhododendronblüten beherrscht wird.

Für die Bewältigung der gesamten Strecke, ungefähr 400 Kilometer, über mehrere Passhöhen jenseits der 3’000 Meter, tut man auch in der schneefreien Zeit gut daran, eine ganze Woche einzuplanen. Unsere Reise aber wird am Ende in der Provinz Bumthang ihr fernstes Ziel erreicht haben. Dieser Tage soll der dortige kleine Flugplatz seinen Betrieb aufnehmen und das kulturelle Herz des Landes auch jenen Touristen zugänglich machen, denen die lange Reise mit dem Auto zu strapaziös ist. Oder, angesichts der riesigen Felsabbrüche und 1’000 Meter in die Tiefe abgestürzter Fahrbahnteile zu gefährlich. Am Morgen meiner Verabschiedung aus dem Amankora in Paro hatte mich im Innenhof der Lodge ein bärtiger Mönch vor einem improvisierten Altar mit glimmenden Räucherstäbchen erwartet, um für die anstehende Reise seinen  Segen zu zelebrieren.

Mit einem sonoren »Om mani peme hung« hatte er mir am Ende als dauerhaftes Symbol ein dünnes, rotes, sehr stabiles Bändchen um den Hals gelegt und verknotet. Als jetzt nur wenige Meter vor uns ein gewaltiger Urwaldriese, sich der  Länge nach überschlagend, den Hang herunterkracht und einen Lastwagen unter sich begräbt, vergewissere ich mich unwillkürlich,  ob sich das rote Bändchen noch an seinem Platz befindet. Man weiss ja nie, besonders in einem Land, in dem Mythen und Legenden und  der unerschütterliche Glaube an Geister und Dämonen das Alltagsleben der Menschen ganz wesentlich mitbestimmen.

Der Weg ist das Ziel – dessen werde ich mir in Bhutan stärker bewusst denn je auf meinen Reisen in Asien. Entlang dem Highway markieren Hunderte aufs Unterschiedlichste gestaltete und bemalte Gebetshäuschen die einzelnen Etappen. In ihrem Innern treiben aus den Bergen herab strömende Quellen einfache Gebetsmühlen an, die ihrerseits kleine Glöckchen bewegen, welche ihr silberhelles Läuten in die Stille der Natur senden und der überall spürbaren Spiritualität selbst in den abgelegensten Landesteilen einen Klang verleihen. So vermögen diese einzigartigen Wegmarken neben der durstigen Kehle auch des Wanderers Seele zu erquicken.

Der Dzong von Punakha, eingebettet zwischen den Fluten des Mo Cho und Pho Cho gilt als der Schönste im Land, was durch die ihn umrahmenden, im Frühling blau blühenden Jacarandabäume noch unterstrichen wird. Dem Pungtang Dechen Photrang – was soviel wie »Palast der Glückseligkeit« bedeutet, haben Feuersbrünste und Erdbeben immer wieder zugesetzt. Nach der grossen Flut 1994, als droben im Himalaya die Mauern eines Gletschersees zerborsten waren und eine Flutwelle den Ort und auch den Dzong mit voller Wucht getroffen hat, waren 23 Menschenleben zu beklagen. Danach wurde das grandiose Bauwerk vollständig renoviert und erstrahlt nun schöner denn je. Die mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Brücke, welche den Hauptzugang zur Klosterburg bildet, war bereits im Jahr 1957 Opfer einer Flutwelle geworden. Erst zwischen 2006 und 2008 wurde sie mit deutscher Hilfe für den stolzen Betrag von 800’000 Dollar wieder aufgebaut und bildete einen Teil der grossartigen Kulisse an der Krönungszeremonie für den jungen Drachenkönig im Jahr 2008. Auch seine Hochzeit wurde 2011 hier gefeiert, vor den Augen der begeisterten Bevölkerung, welche ihren König im wahren Sinn des Wortes abgöttisch liebt und verehrt.

Alle Könige Bhutans wurden hier gekrönt und bis zum Jahr 1955 war Punakha auch Regierungssitz, bevor dieser nach Thimphu verlegt wurde. 300 Mönche im Alter ab sechs Jahren wohnen hier ständig. Sein mildes Klima aber liess Punakha ebenso zur Winterresidenz des Klerus mit dem obersten Lama werden und auch die Royal Family nennt ein entsprechendes Refugium, verborgen hinter einem Wäldchen jenseits des Mo Cho ihr eigen. Zur subtropischen Vegetation zählen zahlreiche Obst- und Gemüsekulturen, hier wachsen auch Orangen und Papaya. Weiter im Süden, wo bereits tropisches Klima herrscht, zählen zur vielseitigen Fauna auch Goldlanguren. Von Leoparden wird noch die Rede sein.

Jakar, Dzong
Jakar, Dzong

Zur Amankora Lodge gelangt man über eine mit Hunderten von Gebetsfahnen geschmückte Hängebrücke. Dem schon erwarteten Gast hat das Management eine grüne Fahne zum Parkplatz jenseits des Flusses entgegen geschickt, die er dem bunten Gewirr auf der schwingenden Konstruktion hinzufügen wird. Ein Caddy übernimmt den kurzen Transport hinauf zu den Reisterrassen, in die sich die acht Chalets von Amankora ducken, und wo das Empfangskommitee, wie üblich in der Landestracht, schon bereit steht. Im romantischen Innenhof sind die Tische gedeckt, der Wein vorgekühlt; im milden subtropischen Klima bricht ein bukolischer Abend an. Snow Fish hat die Küche zubereitet, köstlich auf den Punkt gegart und begleitet von wohltemperiertem Weisswein aus Chile. Im flackernden Schein des Feuers huschen die Schatten der Tänzer über die Wand des zum Restaurant umgebauten Farmhauses, welches einst von der Queen Mom bewohnt wurde. Mit dem bis in mein Chalet hörbaren Knistern der letzten Pinienscheite im langsam verglühenden Feuer senkt sich die Nacht über Amankora und ich falle in tiefen Schlaf.

Kurje Lhakhang

Kurje Lhakhang
Kurje Lhakhang

Am übernächsten Tag begeben wir uns auf die lange Reise nach Bumthang, der kulturellen Hochburg Bhutans. Einen der wichtigsten und geschichtsträchtigsten Dzongs nehmen wir nur aus der Distanz war. Ein Besuch des auf hohem Bergrücken thronenden, im Jahr 1639 erbauten Wangdue Phodhrang, erübrigt sich – vor zwei Monaten ist dieses Juwel bhutanischer Dzong-Architektur ein Raub der Flammen geworden. Die verbliebenen Mauerruinen bieten einen traurigen Anblick, der aber bald in Vergessenheit gerät, als kurz nach der Abfahrt vom Pele La das wohl imposanteste Fort, der Dzong von Trongsa auftaucht. Die ersten beiden Könige von Bhutan haben von hier aus regiert. Heute teilen sich Klerus und Administration, wozu auch die Gerichtsbarkeit zählt, den weit verzweigten Komplex. Die Besichtigung wird auf den Rückweg verschoben, auf dem Weg nach Bumthang wartet noch ein weiterer Pass jenseits der 3’000 Meter.

Man fragt sich, wie die Zahl von rund 50’000 Touristen pro Jahr zustande kommt. Sicher, ein Grossteil von ihnen ist abseits der Strasse auf Trekkingtour oder Hiking durch die Bergwälder. Beim Tsechu in Thimphu waren unter den Tausenden Einheimischen gerade mal ein halbes Dutzend fremder Besucher zu zählen, beim Drup im Jambay Lhakhang in Bumthang werden es dann schon doppelt so viele sein, und wenn die Festivalsaison ihrem Höhepunkt im November zusteuert, wird sich deren Zahl noch wesentlich erhöhen. Aber noch sind die Bhutaner unter sich, und das wird, je weiter man nach Osten vordringt, um so augenfälliger. Manche leben ohnehin fern grösserer Ansiedlungen mit ihren Yakherden jenseits der 3’000 Meter oder in abgelegenen Tälern, von denen einige erst vor wenigen Jahren, wenn nicht erst vor Monaten dank der inzwischen zahlreichen Hydropower- Kraftwerke mit Elektrizität versorgt werden.

Oberhalb von Trongsa treffen wir dann doch noch auf eine kleine Gruppe australischer Mountainbiker und auf der 3’150 Meter hoch gelegenen Dochula Passhöhe pausieren die Passagiere aus einem Kleinbus mit der Aufschrift »National Geographic Expedition«. Weitere Begegnungen mit westlichen oder fernöstlichen Touristen bleiben neben vereinzelten Begegnungen in den wichtigsten Dzongs oder Tempeln auf die romantischen Abende am Lagerfeuer in einer der fünf AMANKORA Lodges beschränkt. Aber auch dort sind es selten mehr als zehn.

Eigentlich meint es das Wetter nun jeden Tag gut, der Himmel zeigt sich strahlend blau, nur oben auf dem Pele La zu dessen Passhöhe der Jeep sich vor der Talfahrt nach Trongsa hinauf gearbeitet hatte, und auch jetzt, ein paar Stunden später, auf dem Yotang La, beide in ca. 3’400 Meter See­höhe, stecken wir schon wieder tief in den Wolken. An klaren Tagen öffnet sich hier ein fast 360° Panoramablick auf die Himalaya Mountain Range mit ihren Sechs- und Siebentausendern. Von den 108 Chorten (Stupas) des Druk Wangyai, welchen die Mutter des Königs als nationales Monument hier oben auf der Passhöhe hat errichten lassen, sind heute nur wenige im Nebel zu erkennen.

Ende September ist die Wetterlage noch nicht so stabil wie Mitte Oktober bis Ende November mit ihren meist dauerhaft klaren Tagen. Ersatzweise rufe ich meine Erinnerung an den Anblick der Himalaya Range in gleissendem Sonnenlicht wach, von der anderen Seite, von Tibet aus. Das hält den Frust des Augenblicks in Grenzen. Bhutan ist aber auch kein Land für Gipfelstürmer, nicht nur, weil jenseits der 6’000 Meter mit Rücksicht auf die dort oben wohnenden Götter und Geister das Bergsteigen verboten ist. Trekking ist es ja, was einen Grossteil der Besucher ins Land lockt. Als der härteste der Welt gilt der »Snowman-Trek«. Er dauert 23 Tage, 11 Pässe in nahezu 5’000 Meter Höhe sind bei unwägbaren Witterungsverhältnissen zu überwinden, geschlafen wird meistens im Zelt. Zur Belohnung winken unvergessliche Ausblicke auf den heiligen Berg Jhomolhari und Jichu Drake.

Bei den von Amankora begleiteten Hiking-Touren geht es nicht ganz so martialisch zu und am Ende wartet dann doch immer eine der luxuriös rustikalen Lodges mit grossen, bequemen Betten. Entspannung und Erholung findet der müde Körper auch schon in der überdimensionierten, freistehenden Badewanne seines Chalets oder im SPA in einem landes­typischen Hot Stone Bath. Oder bei einer Massage, während der man den exotischen Geräuschen der herein dämmernden Nacht lauscht in Vorfreude auf das sinnliche Vergnügen, das einen im Restaurant erwartet. Zum Ausklang des Tages dann noch ein Night Cap am Feuer. Vielleicht ist es das, was der »lonely planet« meint, wenn er schreibt:

«WHAT YOU WON’T FIND IN BHUTAN IS CROWDED,  BACKPACKER-STYLE INDEPENDENT TRAVEL.  THIS IS NEPAL FOR THE JET SET.«

Aman Gründer Adrian Zecha und seine Architekten haben die bald 30 Resorts überall auf der Welt in einer Art Mimikri in die Landschaft und die Lebensweise ihrer Bewohner eingebettet. Das sensible Empfinden für deren Kultur und Religion und der Respekt vor der Natur haben, zusammen mit dem unnachahmlichen privaten Lebensstil in den Resorts und dem sehr persönlichen Service der jeweiligen Aman Family, den Nimbus Aman begründet. Nicht selten begegnet man Gästen, die sich einander darin überbieten, wer die meisten der rund um den Globus verteilten Aman Resorts schon besucht hat.

Auf dem Areal des Wangdicholing Palace, eines ausnahmsweise nicht im Stil eines Dzong errichteten Palastes, der seit langem nicht mehr von der königlichen Familie genutzt wird, erhielt er die Erlaubnis, sein Amankora Bumthang zu errichten, im konsequent verfolgten minimalistischen Stil in den Grundzügen bhutanischer Palast-Architektur. Wände und Fussböden der 16 Gästesuiten sind, wie in allen Amankora Lodges, von heimischen Hölzern beherrscht, neben dem Kaminofen für den Winter stapeln sich die trockenen Scheite aus Pinienholz. Livingroom, Restaurant, und Bibliothek mit Internetzugang öffnen sich zu beiden Seiten der aus Natursteinen gemauerten, schlossartig anmutenden Gänge. Gefrühstückt wird im Frühling und Sommer natürlich draussen auf der Wiese vor dem uralten Wangdicholing Palast, dessen junge Mönche regelmässig von Angestellten des Resorts in Englisch und Mathematik unterrichtet werden.

Wangdicholing Palace
Wangdicholing Palace

Etwas mehr als 5’000 Bewohner haben sich unterhalb des Festungsberges von Jakar angesiedelt. Der Jakar Dzong, 1667 errichtet und von seiner Ausdehnung her der vermutlich grösste im Land, ist Sitz der königlichen Provinzverwaltung. Hier, zwischen Chokhor Valley, Tang Valley und Ura Valley schlägt das Herz des Vajrayama Bhuddismus in seiner traditionellen Nyingma-Ausrichtung. Padmasambhava, der Guru Rinpoche, brachte den Bhuddismus aus Tibet hierher. In Jakar wurde auch seine Re-Inkarnation, der Terton Pema Lingpa geboren. Dessen wichtigste Klostergründung ist der 1501 erbaute Tamshing Lhakhang, dessen uralte Wandmalereien noch erstaunlich gut erhalten sind. Im Obergeschoss ist auch das vom Pema Lingpa erschaffene, 500 Jahre alte Kettengewand zu besichtigen, welches sich Pilger über die Schultern legten, bevor sie sich anschickten, den Tempel dreimal zu umrunden.

Eines der wichtigsten Festivals, der Jambay Lhakhang Drup, findet in einem der 108 Klöster statt, welche der tibetische König Songtsen Gampo der Legende nach in einer einzigen Nacht des Jahres 659 errichtet hat. Derwischen gleich wirbeln die Tänzer in ihren leuchtend gelben, kunstvollen Gewändern und furchteinflössenden Tiermasken über den Innenhof des Jambay Lhakhang, das auch über die Grenzen Bhutans wegen der Darbietungen nackter Tänzer zu einiger zweifelhafter Berühmtheit gelangt ist und deretwegen dann doch etliche Touristen den weiten Weg nach Bumthang in Kauf nehmen. Aber Mönche sind es schon lange nicht mehr, die sich dort am Tsechu um Mitternacht, vorgeglüht mit reichlich Ara, in Trance tanzen.

Nur einen kurzen Fussmarsch entfernt, gelangt man zu einer der schönsten Tempelanlagen, dem Kurje Lhakhang, dessen Gründung auf das Jahr 1652 zurückgeht. Hier locken neben den kunstvollen Fassaden ein Fussabdruck Guru Rinpoches in einer Höhle und eine aus seinem Gehstock gewachsene Zypresse Pilger in grosser Zahl an, besonders natürlich zur Zeit der grossen Festivals.

Es ist Sonntag und überall in den Tälern messen sich Bogenschützen im Volkssport Bhutans. Vom einfachen Flitzebogen aus Holz bis zur Hightech-Waffe reicht das Arsenal. Über eine Strecke von 150 Metern schicken sie die Pfeile in die Bastscheibe, nicht ohne sich hin und wieder etwas »Zielwasser« zu genehmigen.

Im nahe gelegenen Farmhouse jener Familie, die seit Generationen die Royal Family bekocht, kommt es auch für mich zur unvermeidlichen Begegnung mit Ara, dem – ausser Dienstags, dann ist »Dry Day« – allgegenwärtigen Schnaps der Bhutaner, allerdings versetzt mit dem wundersamsten Ingredienz, welches je eine Destille verlassen hat. »Im Sommer Gras, im Winter Wurm« nennt sich das Kuriosum, welches dem Schnaps zugesetzt, ein langes Leben, dauerhafte Potenz, Heilung von Krebs und allerlei andere Wundertaten verspricht und manchen Yak-Hirten zu veritablem Wohlstand verholfen hat: Droben, oberhalb von 4’000 Metern existiert im Himalaya eine Art Raupe in der sich eine Art Pilz festsetzt, die in einer Art Gras dann im Mai/Juni aus dem merkwürdigen Wesen herauswächst. Jugendliche Hirten mit scharfen Augen warten, am Boden liegend, oft stundenlang auf die zaghafte Bewegung eines Halmes, der das Auftauchen des Wurm/Raupe/Gras/Pilz-Lebewesens signalisiert, und schwupps, ist es gefangen. Es wiegt fast nichts und das Jagdglück müsste dem Jäger noch viele hundert Male hold sein, bis ein Kilo zusammenkäme. Das brächte dann allerdings nach aktuellem Stand sage und schreibe 30’000 Dollar ein. Japaner, Chinesen und Koreaner sind ganz wild auf das Wundermittel. In der Ara-Flasche im Farmhaus ist nur ein einziges Exemplar zu besichtigen, aber nach dem vierten Glas, das vom Hausherrn unverzüglich immer wieder nachgeschenkt wird, bin auch ich von dessen vielfältiger Wirkung fest überzeugt.

Bis nach Bumthang verirren sich dank der strapaziösen Anreise nur 15% aller Bhutan-Touristen. Der kleine Flugplatz, der im Oktober 2012 ungefähr auf der Mitte der Route von Paro nach Trashigang im fernen Osten, seinen Betrieb aufnehmen sollte, könnte diese Zahl schlagartig vervielfachen.  Nach drei Tagen im Bumthang Valley – diese Zeit benötigt man unbedingt, um auch nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten des kulturellen Herzstücks Bhutans zu konsultieren – begeben wir uns auf die vorletzte Etappe meiner Reise, ins Phobjika Valley.

PHOBJIKA VALLEY / Gangtey Goempa
PHOBJIKA VALLEY / Gangtey Goempa

Selten gewordene Schwarzhals-Kraniche, verbringen den Winter dort. Die Bewohner versichern glaubwürdig, dass seit Menschengedenken die Kraniche bei ihrer Ankunft im Phobjika Valley dreimal das auf einem Bergrücken thronende Kloster umkreisen, bevor sie sich niederlassen und die selbe Zeremonie vollziehen, wenn sie sich im Frühling wieder in Richtung Tibetisches Hochplateau verabschieden. Die Kraniche sind den Bewohnern ans Herz gewachsen. Ein Informationszentrum widmet sich dem nachhaltigen Schutz dieser einzigartigen Geschöpfe. Wir befinden uns auf 3’000 Meter in einem der abgelegensten Bergtäler Bhutans. Auf dem Rückweg über den West-Ost-Highway, ging es hinter Trongsa wieder hinauf zum Pele La. Auf einer fünf Kilometer langen holprigen Piste, beäugt von grasenden Yaks, benötigten wir fast eine Stunde bis zum Gangtey Goemba, einem der wichtigsten Klöster Bhutans, erbaut 1613 von Pema Thinley, dem Grosssohn des Pema Lingpa. 2005 und 2006 wurde das gesamte Bauwerk restauriert.

Amankora Gangtey
Amankora Gangtey

Vor dem Amankora tut sich das Phobjikha Valley in seiner ganzen Weite auf, der Gangtey Natural Trail führt durch eine der abwechslungsreichsten Landschaften Bhutans. Wenn den oben in den Bergen lebenden Leoparden im Winter tiefer Schnee die Jagd nach Beute fast unmöglich macht, treibt sie der Hunger hinunter ins Tal. Hunde stehen jetzt auf der Speisekarte, und Hunde gibt es viele in Bhutan. Während einem auf dem Land fast nur die sanftmütigen Exemplare begegnen, sollen sich in der Hauptstadt Thimphu zu nachtschlafener Zeit ganze Streetgangs xenophobischer Bestien zusammenrotten, denen man tunlichst aus dem Weg geht. Ihrem kollektiven Kampfgeheul jedoch entkommt man nicht und so sehen sich empfindsame Menschen am Morgen um ihren Schlaf gebracht. Auch dem sanftmütigen Begleiter eines Mitarbeiters von Amankora in Gangtey wurde die Begegnung mit einem Panther, wie sie hier die kleinere Leopardenart nennen, fast zum Verhängnis. Im letzten Winter konnte er ihn im letzten Moment, wenn auch bereits schwer verletzt, dem Gebiss der Raubkatze entreissen. Monatelange Pflege hat ihn wieder auf die Beine gebracht, die tiefen Narben sind geblieben. Menschen gehören allerdings nicht zum Beuteschema hiesiger Leoparden.

Tiger sind ein grosses Mysterium in Bhutan. Gesehen hat sie praktisch niemand; ein Bauer berichtete letztes Jahr von einer direkten Begegnung mit der Raubkatze, deren Fussspuren allerdings immer wieder auftauchen, Kamerafallen beweisen angeblich ihre Anwesenheit sogar jenseits von 4’000 Metern. Wissenschaftler sprechen dann von einer Sensation oder zweifeln die Echtheit der Fotos an. Dass Schneeleoparden sogar noch in Höhen über 5’000 Metern Beute jagen, daran zweifelt aber auch kein Wissenschaftler.

Während erst das »black necked crane festival« im November wieder zum Grossereignis auch für Touristen werden wird, feiert das lokale Publikum oben im Goemba seinen Tsechu. Derweil veranstaltet ein bhutanischer Filmschaffender – Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller in Personalunion – in den ausgeräumten Ställen der umliegenden Bauernhäuser ein Filmfestival. Eintritt: 100 Ngultrum (knapp 2US$).

Ein letztes Mal auf meiner Traumreise durch ein Land, das aus der Zeit gefallen scheint, gebe ich mich in Thimphu der epikuräischen Welt von Amankora hin. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich seit zwei Wochen weder fern gesehen noch Radio gehört, noch eine Zeitung gelesen habe… Zur Idee vom GROSS NATIONAL HAPPINESS gibt es nichts Erhellendes hinzuzufügen. Ob Neid und Habgier sich allmählich ins Land schleichen werden, ist für Fremde schwer zu beurteilen. Den Bhutanern ist zu wünschen, dass sie trotz Internet und Mobile Phone wenigstens noch eine Weile ihre »splendid isolation« bewahren. So könnte der Mythos »des glücklichsten Landes der Welt« noch ein, zwei Jahrzehnte fortbestehen, wenn es zum »Shangri La« auch längst nicht mehr reicht.

Nach dem Dinner im Amankora schickt ein Grossvater seinen 10jährigen Enkel, modisch in Nike Sneakers und Designerjeans gekleidet, mit einem Stück »Mooncake« an meinen Tisch auf der Terrasse, und so feiere ich an meinem letzten Abend in Bhutan zusammen mit einer chinesischen Grossfamilie das traditionelle Mondfest im Schein der lodernden Flammen eines Lagerfeuers, während draussen schon »das Mondlicht auf den Hügeln schläft«…

 

www.amanresorts.com/amankora

 

 


DIE VIER BRÜDER IN HARMONIE

Ein ständig wiederkehrendes Motiv in allen Klöstern Bhutans, aber auch manchenorts jenseits der Grenzen, ist die nebenstehende Allegorie aus dem frühen Leben Bhuddas. In einem Garten in Varanasi bricht Zwietracht aus, zwischen vier Tieren, die jedes den Besitz an den süssen Früchten eines Baums für sich geltend machen. Am Ende gelangen sie zu der Einsicht, dass sich in Eintracht der gegenseitige Nutzen mehren lässt und sie werden zu unzertrennlichen Freunden. Nun ernten Kaninchen und Rebhuhn die Früchte am Boden und von den unteren Zweigen, der Affe klettert hinauf und erntet dort, währen die Früchte von den höchsten Zweigen nur vom Rüssel des Elefanten erreicht werden können. So bleibt niemand hungrig. Die vier »Brüder in Harmonie« gelten im tibetischen Bhuddismus als Beispiel für Frieden, Harmonie, Zusammenarbeit in Unabhängigkeit und Freundschaft.

Die vier Brüder in Harmonie
Die vier Brüder in Harmonie

 

 

 

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